Ansprache von Herrn Ehlers
Programm beim Festakt (Aufnahme von Kilian Eigenfeld)
Liebe Schülerinnen, liebe Schüler!
Sehr geehrte Lehrer – und Elternschaft,
als ich vor Wochen die Anfrage erhielt, ob ich für das Modellprojekt "Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage" an ihrem Gymnasium die Patenschaft übernehmen würde, fühlte ich mich selbstverständlich geehrt, aber ich war auch überrascht. Denn ich kenne das bundesweit angelegte Projekt recht gut und weiß daher, dass ziemlich viele der Patinnen und Paten aus dem Bereich der Medien, der Kunst, der Politik, der Wirtschaft oder dem Sport kommen. Nicht selten sind es Kassenknüller wie Campino von den Toten Hosen oder bekannte Politiker wie zum Beispiel Cem Özdemir.
Ich bin weder das eine noch wie der Andere, dennoch glaube ich, bei aller Bescheidenheit, dass die Schülerschaft des Hückelhovener Gymnasiums richtig daran getan hat, sich einen Paten zu suchen, der wirklich da ist, sich als verlässlicher Ansprechpartner anbietet und sich tatsächlich bei den zukünftigen Aufgaben, Aktionen und Projekten aktiv mit eingeben wird.
Denn der Titel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage - ist kein Preis und keine Auszeichnung für bereits geleistete Arbeit, sondern ist eine Selbstverpflichtung für die Gegenwart und die Zukunft. Eine Schule, die diesen Titel trägt, ist Teil des größten schulischen Netzwerkes, und die 750 Schulen und die mehr als 500 000 Schüler, die mitmachen, nehmen sich etwas vor, was alles andere als selbstverständlich ist: Sie wollen Zivilcourage zeigen und wenden sich bewußt gegen jede Form von Rassismus, Mobbing und andere Formen von Gewalt. Diese Schüler sagen: Wir übernehmen Verantwortung für das Klima an unserer Schule und passen mit auf, dass so etwas bei uns nicht passiert.
Die Integrationsagentur, die ich leite, ist unter anderem auch dafür da, dass im ganzen Kreis Rassismus und Diskriminierung erkannt, offengelegt und erfolgreich bekämpft wird. Ich bin Gott sei Dank nicht allein. Das Diakonische Werk des Kirchenkreises Jülich und damit einhergehend die evangelischen Gemeinden des Kreises stellen sich seit vielen Jahren dieser Aufgabe. Auch deshalb betreiben wir seit mehr als fünfzehn oder zwanzig Jahren einen Migrationsfachdienst, der dafür da ist, Menschen mit Zuwanderungsgeschichte dabei zu unterstützen, sich hier in Deutschland wohl zu fühlen und erfolgreich zu sein. Wir beraten diese Menschen, wir bieten Sprachkurse an, wir unterstützen Migrantenorganisationen bei ihrer Arbeit, entwickeln Projekte und helfen Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser und Behörden dabei, sich für die Belange von Migranten noch mehr zu öffnen.
Denn wer sich öffnet, der verschließt sich zugleich gegen alle Formen rassistischer Ideologien.
Rassismus behandelt Menschen nicht als Individuen, sondern als Angehörige einer Gruppe – und er unterstellt, dass aus dieser Gruppenzugehörigkeit sich unveränderliche Eigenschaften, Fähigkeiten oder Charakterzüge ableiten. Dabei halten Rassisten ihre eigene Gruppe meist für höherwertig. Rassismus findet sich überall, in privaten Vorurteilen, staatlicher Diskriminierung, in Gewalttaten – oder im extremsten Fall – in Völkermord. Am häufigsten findet er sich im Alltag, oder besser: er versteckt sich im alltäglichen miteinander, genau da, wo er am schwersten zu identifizieren ist. Rassismus wendet sich gegen alles Fremde, aber wir belügen uns, wenn wir sagen: Rassismus ist uns fremd..
Rassismus ist nicht altmodisch und unmodern. Rassismus ist Gegenteil hochgradig kompatibel, nennt sich längst nicht mehr so, sondern verkauft sich als Ethnokulturalismus oder Kulturpluralismus. Rassismus ist nicht dumm. Rassismus ist wie ein hochintelligenter, tückischer Computervirus, der sich präzise dort einnistet, wo er selbst von den besten Antivirenprogrammen oft nicht eindeutig erkannt, benannt und gelöscht werden kann: nämlich in der Schaltzentrale des Rechners, im BIOS, das nahezu alle Funktionen des Systems verwaltet oder zumindest beeinflusst.
Übertreibe ich?
In einer Schulungsbroschüre der NPD heißt es: Ein Afrikaner, Asiate oder Orientale wird nie ‚Deutscher werden können, weil die Verleihung bedruckten Papiers (des bunddesdeutschen Passes) ja nicht die biologischen Erbanlagen verändert, die für die Ausprägung körperlicher geistiger und seelischer Merkmale von Einzelmenschen verantwortlich sind.
Thilo Sarrazin, SPD Politiker, Sozialdemokrat, sagte kürzlich, dass wir – und damit meint er uns, uns Deutsche – immer dümmer werden, und zwar wegen den Zuwanderern aus der Türkei, dem Nahen Osten und Afrika. Denn diese sind in der Regel von Natur aus weniger intelligent und vererben dieses Weniger an die Kinder.
Ist das Rassismus? Wenn ja, warum haben dann die hochintelligenten Zuhörer – allesamt Banker und Manager – nur mit einem Schmunzeln reagiert.
Vielleicht, weil es nicht rassistisch, sondern nur ein bischen fremdenfeindlich ist. Aber worin liegt der Unterschied zwischen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus?
Deutsche Rechtsextremisten haben beispielsweise nichts gegen blonde Schweden, wohl aber etwas gegen dunkelhäutige Deutsche – obwohl der Schwede eigentlich ein Fremder und der dunkelhäutige Deutsche überhaupt kein Ausländer ist.
Letzte Woche traf ich eine Kollegin. Sie erzählte von einem Gymnasium, das eine dunkelhäutige Deutsche (Die Mutter ist Nigerianerin) nicht in die Schule aufnehmen wollte, obwohl das Kind eine Gymnasialempfehlung erhielt. Begründung: Es wäre in der Schule das einzige Kind dieser Art und würde sich deshalb bestimmt bald einsam fühlen. Ist das versteckter Rassismus? Oder Fürsorge? Anteilnahme, die von Herzen kommt?
Hier in Hückelhoven können insbesondere muslimische Eltern ein Liedchen von dieser Anteilnahme singen. Viele wollen sie nicht mehr und kriegen sie trotzdem. Da helfe ich, und das nicht nur, weil das mein Job ist.
Und ab dem heutigen Tag helfe ich auch Euch bzw. Ihnen, die Ziele zu erreichen, zu der die sich alle Schulen schriftlich bekennen müssen, die sich diesem einzigartigen Projekt angeschlossen haben, und die ich uns zum Abschluss noch einmal in Erinnerung rufen möchte.
1. Ich werde mich mit Ihnen dafür einsetzen, dass es zu einer zentralen Aufgabe dieser Schule wird, nachhaltige und langfristige Projekte, Aktivitäten und Initiativen zu entwickeln, um Rassismus zu überwinden.
2. Wenn an dieser Schule Gewalt, diskriminierende Äußerungen oder Handlungen ausgeübt werden, setze ich mich als Pate mit dafür ein, dass wir in einer offenen Auseinandersetzung mit diesem Problem gemeinsam Wege finden, uns zukünftig einander zu achten.
3. Ich setze mich drittens dafür ein, dass an dieser Schule ein Mal pro Jahr ein Projekt durchgeführt wird, um langfristig gegen jegliche Form von Diskriminierung, insbesondere Rassismus, vorzugehen.
Für den Vertrauensvorschuss, den Ihr/Sie in mich setzt, bedanke ich mich persönlich und im Namen des Diakonischen Werkes der evangelischen Kirche. Und freue mich auf die Zusammenarbeit.
(Chr. Ehlers)