Abschied von Jerzy Gross

Am 24. Juli 2014 verstarb Jerzy Gross, den wir als Michael Emge kennen gelernt hatten. Wir wussten dass dieser Name als Schutz dienen sollte, da Jerzy Gross unter Anfeindungen und Bedrohungen zu leiden hatte, nachdem er mit seinen Erinnerungen an die Öffentlichkeit getreten war. Aber nun bekommt er im Tod seinen Namen zurück, der seinen Weg so sehr geprägt hat.

Jerzy Gross wurde am 16. November 1928 in eine großbürgerliche deutsche Familie als einer von zwei Söhnen geboren; der Vater, ein Ingenieur, war jüdisch und die Mutter, die aus Wien stammte, katholisch. Aus beruflichen Gründen siedelte die Familie um nach Krakau und dort wird die Familie Opfer des nationalsozialistischen Terrors. Jerzy überlebt als einziger aus seiner Familie den Holocaust, weil er auf Schindlers Liste stand. Dort ist sein Name unter der Lagernummer 69173 erfasst, wie dieser Auszug aus den Dokumenten in Yad Vashem zeigt. 

Nach der Befreiung aus dem Konzentrationslager in Brünnlitz ging Jerzy Gross nach Polen, schlug sich alleine durch. Da er bereits als Kind musikalisch großes Talent gezeigt hatte, wurde er Geiger und spielte zunächst im polnischen Rundfunkorchester, später in Unterhaltungsorchestern in Israel. Anlässlich einer Prozessaussage kam er in den 60er Jahren nach Düsseldorf. Allerdings wird der Prozess am ersten Tag für ihn aus nicht nachvollziehbaren Gründen abgesagt. Jerzy Gross erkrankt lebensgefährlich, er bleibt in Deutschland. Er lebte mit seiner eigenen kleinen Familie in Köln.

Erst spät beginnt er damit, seine Erinnerungen mitzuteilen, sie wach zu halten als Mahnung gegen das Vergessen. Besonderes Vertrauen setzte er in junge Menschen. Sie wollte er vor allem erreichen, wenn er in Schulen ging, von seinen Erfahrungen berichtete und sich den Fragen stellte. Geholfen hat ihm hierbei die WDR-Redakteurin Angela Krumpen, die in dem Buch Spiel mir das Lied vom Leben die Begegnung zwischen der jungen Judith, ein Wunderkind auf der Geige, und Jerzy Gross in sehr dichter und vielschichtiger Form schildert. Dies war auch die Grundlage der Präsentation; Angela Krumpen moderierte, schilderte Jerzys Erlebnisse und ermöglichte so auch bei großen Veranstaltungen eine sehr persönliche Atmosphäre.

Wir wussten, dass Michael Emge ein sehr kranker Mann war, als er bei uns am 16. Mai zu Gast war. Wir waren die letzte Schule, die er besuchen konnte. In vielen Gesprächen im Nachhinein ist deutlich geworden, wie sehr er mit seiner Persönlichkeit und Authentizität gewirkt hat. Dafür sind wir ihm sehr dankbar. Diese Rückmeldung hat auch Michael Emge noch erhalten und er hat sich sehr darüber gefreut.

Wie wichtig für Jerzy Gross aber das Erinnern ist, schreibt Frau Krumpen in ihrer Mail: "Ich habe Jerzy versprochen, auch weiter zu erzählen, sprich mit einer neuen Powerpoint, in der ich dann ihn als Video mitbringe, weiter in Schulen zu gehen ... das sollten auch Sie wissen."